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Die Streuner von Istanbul

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Leid u. Freunde der Tiere am Bosporus

Wenn es Morgen wird in Istanbul, beginnt für Zehntausende von herrenlosen Hunden und Katzen die schwierigste Tageszeit. Sie müssen sich die Straßen dann mit 14 Millionen ungemütlichen Menschen und ihren Autos teilen. Und in einigen Vierteln lassen die Behörden sogar regelrecht Jagd auf Vierbeiner ohne festen Wohnsitz machen.

Hunde haben am Bosporus oft kein leichts Los



Video: http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=7352&mode=play

Wenn es Morgen wird in Istanbul, beginnt für Zehntausende von herrenlosen Hunden und Katzen die schwierigste Tageszeit. Sie müssen sich die Straßen dann mit 14 Millionen ungemütlichen Menschen und ihren Autos teilen. Und in einigen Vierteln lassen die Behörden sogar regelrecht Jagd auf Vierbeiner ohne festen Wohnsitz machen. Mit harschen Methoden, Gift und Schlinge. Doch auf dem Fischmarkt fällt schon mal das eine oder andere ab für die Tiere. Und manche Istanbuler sind sogar ganz nett. Zu Katzen wenigstens. Die haben es in der muslimischen Gesellschaft ohnehin ein bisschen leichter als Hunde, die als unrein gelten.

Tierpflegerin Azize Keten engagiert sich bei einem kleinen privaten Verein mit einem großen Namen: "Tierschutzverein der Türkei". Zusammen mit ihrem Kollegen Mehmet betreut sie herrenlose Hunde und Katzen, die keiner will, die krank sind, vom Auto angefahren oder von Menschen übel zugerichtet wurden. Dort finden die Vierbeiner Fressen und ein Dach über dem Kopf, wenn sie die Welt nicht mehr verstehen.

Mehr als zwei Dutzend Tiere kommen täglich in die Ambulanz

Rettung für verletzte Streuner: die tierärztliche Ambulanz

Andere Tiere brauchen Hilfe draußen auf der Straße. Kenan Cubuk hilft als Tierpfleger und Fahrer des kleinen privaten Istanbuler Tierschutzvereins seit 33 Jahren, herrenlose und verletzte Tiere von der Straße zu retten, die zum Beispiel angefahren wurden. In der Ambulanz der Tierschutzorganisation versorgt die Tierärztin Cemaliye Yegane angefahrene Hunde. Im Schnitt werden dort rund 30 Tiere pro Tag behandelt - meistens unentgeltlich. Denn die Menschen, die herrenlose Tiere bei sich aufnehmen, können sie vielleicht gerade mal ernähren, sich aber nicht die Arztkosten leisten.

Die Frau, die es immer wieder irgendwie schafft, den Tierschutzverein am Leben zu halten und Spenden aufzutreiben, ist Birgül Rona, die Seele des Ganzen. Seit elf Jahren ist sie die Vorsitzende des Tierschutzvereins. "Seit 1. Juli 2004", erklärt Birgül Rona, "haben wir ein Tierschutzgesetz. Es findet aber in der Praxis kaum Anwendung. Das Gesetz ist da, aber nur auf dem Papier. Ich denke deshalb, dass Erziehung wichtig ist. Wichtiger als Gesetze. Wenn die Menschen es nicht lernen, dass man auch mit Tieren zivilisiert umgeht, dann nutzen auch die Gesetze nichts." Alle zwei Wochen fährt sie hinüber auf die asiatische Seite Istanbuls und 150 Kilometer weiter nach Karacabey im Landesinnern, wo der Tierschutzverein die gesundgepflegten Hunde und Katzen unterbringt, die in Istanbul keiner will. 400 Katzen und 200 Hunde leben hier.

Vergiftet mit den Spritzen der örtlichen Gesundheitsämter

Tierfreunde versuchen, die Not der Vierbeiner zu lindern

Ein weiterer trauriger Fall, von dem türkische Tierschützer berichten können: Auf der Müllkippe von Mamak bei Ankara retteten die Helfer Hundebabys, deren Mütter vergiftet und hier hastig und heimlich in einem Massengrab verscharrt wurden. Die Giftspritzen der örtlichen Gesundheitsämter, mit denen die Tiere getötet wurden, lagen noch neben den Kadavern. Eine durchaus übliche Methode, mit der manch türkische Gemeinde für Sauberkeit und Ordnung sorgt. Der letzte Fall einer solchen massenhaften Tötung ereignete sich am 27. November 2006 - erneut - in Mamak bei Ankara.

Auf den idyllischen Prinzeninseln im Marmarameer vor Istanbul ist das Problem der streunenden Hunde noch haarsträubender. Gerüchte besagen, dass in den vergangenen Jahren hier mehr als 3000 herrenlose Hunde und Katzen mit Gift getötet worden sein sollen. Ein Aussteiger mit einem Herz für Tiere hat den Wahnsinnsjob übernommen, das heruntergekommene Hundeasyl auf der größten der Inseln, Büyük Ada, zu führen. Für 220 Euro im Monat, die Ahmet Abbali auch noch zum größten Teil für seine 120 Schützlinge ausgibt. Denn außer Wasser und von Bäckereien geschenkten Brotresten, die er mit Fleischbrühe einweicht, hat er nichts.



Quelle: 04.02.2008 / Stephan Hallmann / 3sat.online

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